Milchdüngung

von Ansgar Rahmacher

zuerst veröffentlicht in "Das Taublatt" Heft 40 (=2001/2), Seite 34-36

Die häufigste Frage von Anfängern lautet gewöhnlich: “Was passiert denn, wenn ich meinen Finger da reinstecke?” Ich möchte mich aber mit der zweithäufigsten Frage beschäftigen: “Wenn die Pflanzen keine Insekten bekommen, gehen die dann ein?”
Karnivoren leben meistens an nährstoffarmen Orten und sind von daher Schwachzehrer, sie brauchen von Natur aus wenig Nährstoffe zum Wachsen. Der “Verzehr” von Insekten verschafft ihnen jedoch einen Vorteil gegenüber anderen Pflanzen, die sich keine zusätzlichen Happen aus der Luft organisieren können. Den Bedarf an Stärke decken sie hauptsächlich durch das aufgenommene CO 2 . Die Insekten sind darüber hinaus willkommene Stickstofflieferanten, denn gewöhnlich nimmt die Pflanze Stickstoff in Form von Nitrat aus dem Boden auf, der zur Synthese von Aminosäuren und letztendlich von Proteinen lebenswichtig ist, welches aber an den natürlichen Standorten oft wenig vorhanden ist. Nach neueren Erkenntnissen nehmen die Pflanzen auf diese Weise aber auch Phosphat, Kalium und andere Mineralstoffe auf.
Mir ist nicht bekannt, daß jemals eine Insektivore eingegangen wäre, wenn sie nicht genug Insekten bekommen hat. Meistens liegen die Probleme beim falschen Wasser oder Licht. Es ist jedoch oft schon beobachtet worden, daß die Pflanzen nach einem Beutefang sichtbar besser wachsen. Wenn man seine Pflanzen z.B. in Vitrinen oder Terrarien im Keller kultiviert, so wie ich teilweise, hat man wenig Chancen, daß sich dort Insekten hinein verirren, wenn man mal von dieser eigenartigen Fliegeninvasion absieht (Heft 38 “Terrarienkultur”).

Drosera capensis im Verlaufe der Milchdüngung. Fotos: Ansgar Rahmacher. [Zur Vergrößerung klicken, 66KB]

Einmal kann man nun Abhilfe schaffen, indem man wie ein Verrückter durch den Garten rennt und versucht, Insekten zu fangen, was manchmal durchaus seinen Reiz hat, bei einer größeren Sammlung aber schnell lästig wird. Und eine Fruchtfliegenzucht in der Wohnung führt schnell zu unangenehmen Gerüchen der Futterstoffe, außerdem entkommen immer einige Fliegen, wie ich an der Uni in einer Großfliegenzucht sehen konnte. Als Alternative ist es auch möglich, Kunstdünger in sehr verdünnter Form den Pflanzen zukommen zu lassen, was bei den Grubenfallen wohl am ungefährlichsten sein soll, aber immer ein gewisses Risiko der falschen Dosierung birgt.
Ein Bekannter brachte mich dann auf Milchdüngung. Er besprüht seine Pflanzen hin und wieder mit einer verdünnten Milchlösung aus der Spritzflasche. Die Idee ist eigentlich genial. Milch enthält Proteine, Fette und Kohlenhydrate, im Gegensatz zu Insekten sogar in gelöster Form. Also habe ich das gleich ausprobiert. Meine erste Versuchspflanze war Drosera capensis. Da ich zu faul war, die Milch zu versprühen, legte ich mit einer Pipette einen Tropfen auf das Blatt. Zum ersten mal war es mir mit bloßem Auge möglich, die Tentakelbewegung zu beobachten, und nach ca. 20 Minuten hatte sich das Blatt komplett eingerollt. In dieser Rekordzeit konnte ich es danach nicht mehr beobachten, doch das Resultat war immer das gleiche. Kurze Zeit später fragte mich meine Mutter, was mit den Sonnentaus los sei, da wären auf jedem Blatt weiße Punkte drauf.



Heliamphora heterodoxa x ionasii. Der oberste Krug bildete sich nach Milchdüngung. Foto: Ansgar Rahmacher. [zur Vergrößerung klicken, 38KB]

Das Wachstumsresultat bei den Pflanzen war enorm, ich hatte sie im Winter aus Blattstecklingen gezogen und im Spätsommer waren sie ein drittel größer als die Drosera capensis in einer durchschnittlichen Gärtnerei. Weitere Versuche folgten mit Nepenthes, Heliamphora und Cephalotus. Geschadet hat es keiner Pflanze, aufgrund ihres relativ langsamen Wachstums kann man die Erfolge aber nicht so schnell erkennen. Meine Heliamphorahybriden, von denen ich eine letzten September in Bonn ergattert habe, hat bis Dezember Krüge gebildet, die immer ein kleines bißchen größer waren als die vorherigen. Nach intensiver Milchdüngung war der neue Krug ein Drittel größer. Ohne die Natriumdampflampe wäre das wahrscheinlich auch nicht so extrem gewesen, aber zusammen ist es eine ideale Kombination. Ebenfalls gut hat es Nepenthes ventricosa vertragen, vorher ziemlich winzige Kannen, bildete sie nach Milchdüngung von einem zum anderen Blatt relativ große Kannen. Ein paar grundsätzliche Dinge sollte man bei der Milchdüngung beachten. Nicht zu viel Milch nehmen, sonst überfordert man die Fangorgane, bei Nepenthes kann dann schon mal eine Kanne absterben. Bei Grubenfallen nimmt man je nach Größe ein Paar Tropfen pro Falle. Am unkompliziertesten ist es bei Heliamphora, sollte man zu viel Milch genommen haben, kann man sie durch das geniale Überlaufsystem der Krüge einfach verdünnen. Sonnentau sollte man entsprechend der Größe mit Milch versorgen, Drosera regia verträgt eine ganze Menge, während Drosera pygmaea schon unter einem Tropfen hoffnungslos begraben wird. Hat man viele Droseras, bietet sich wirklich das Besprühen mit verdünnter Milchlösung an, da man so mehr Pflanzen mit weniger Aufwand erreicht. Sprüht man die Pflanzen großflächig an, sollte man sie nach einem Tag mit Wasser absprühen, um zu verhindern, daß die Milch anfängt, zu schimmeln. Auch sollte man vermeiden, es auf Muttis Fensterbank zu machen, da sich ansonsten ein süßlicher Geruch dort breitmacht. Ebenso müßte es funktionieren, wenn man etwas Milch auf das Substrat gibt, da sie im Boden von Mikroorganismen abgebaut wird und u.a. Nitrat entsteht, das über die Wurzeln aufgenom-men werden kann.
Welche Sorte Milch am Brauchbarsten ist, konnte ich noch nicht feststellen, ich habe meine Versuche immer mit frischer Vollmilch mit 3,5% Fett gemacht, da ich wegen Eigenbedarfs davon immer einiges im Kühlschrank habe.
Bleibt zu hoffen, daß der Verzehr von Milch weiterhin unbedenklich ist, sonst lautet demnächst die dritthäufigste Frage: “Wenn ich da den Finger reinstecke, krieg ich dann BSE?”