Knollenbildende Sonnentau-Arten für jedermann !?

Zur Kultur australischer Drosera - Arten der Sektionen Ergaleium, Stolonifera und Erythrorhiza

von Christoph Scherber

zuerst veröffentlicht in "Das Taublatt" Heft 27 (=1996/1), Seite 24-29

Der Titel dieses Artikels beinhaltet bereits die Schwierigkeiten, die die meisten "Fleischi-Fans" mit den sogenannten "Knollendroseren" haben. Ich hoffe, nachfolgend einige Vorurteile gegenüber diesen so oft als schwer kultivierbar bezeichneten Pflanzen ausräumen zu können.

Drosera auriculata [Zur Vergrößerung klicken, 38KB]

Ich möchte einige charakteristische und spektakuläre Arten und deren Kultur vorstellen, wobei insbesondere auf die speziellen Lebensbedingungen am Naturstandort eingegangen werden soll.

1. Kennzeichen knollenbildender Sonnentau-Arten

Die Verbreitungsschwerpunkte der "Knollendroseren" liegen im Südwesten des australischen Kontinents. Lediglich Drosera peltata reicht in ihrem Verbreitungsgebiet bis nach Indien und Japan hinein. Die regelmäßigen sommerlichen Trockenperioden, die im Süden Australiens durch dessen relative Nähe zum Äquator auftreten, haben bei den betrachteten Arten im Laufe der Evolution zur Ausbildung spezieller überdauerungsorgane geführt.
Hierbei handelt es sich um unterirdische Knollen, die nach dem Absterben des oberirdischen Teils der Pflanze im Boden verbleiben und bei einsetzender Regenzeit wieder einen neuen Sproß an die Oberfläche senden. So können die Sonnentaue auch mehrere Monate extremer Hitze und Trockenheit überstehen, wenn die Temperaturmaxima in Bodennähe bei 40°C liegen.
Die Hauptniederschlagsmengen von ca.500 mm/a fallen im Winter, der sich durch relativ mildes Klima auszeichnet. In dieser Zeit senden die Pflanzen aus ihrer Knolle Sprosse aus, die an die Oberfläche dringen und an einem oberirdischen Stengelabschnitt Fangblätter und Blüten hervorbringen. Die "Knollendroseren" lassen sich grob in drei Gruppen einteilen.


a) Rosettenbildende Arten (Sektion Erythrorhiza) - ca. 8 reine Arten

Die Knollen dieser Arten liegen meist in 5-10 cm Tiefe. Die unterirdischen Sprosse besitzen schuppenartige Vorblätter. Ihre meist eiförmigen, oberirdischen Blätter sind in 4-12 cm großen Rosetten angeordnet und nicht besonders zahlreich. Sie sind meist ungestielt und nur spärlich mit Fanghaaren besetzt. Nach dem Beutefang rollen sie sich nicht von den Rändern her ein.
Bei einsetzender Vegetationsperiode erscheint zunächst eine Knospe an der Substratoberfläche, die sich schnell vergrößert und aus der sich die bereits fertige Rosette entfaltet, in deren Mitte schon Blütenknospen liegen. Die Blätter wachsen, sobald sie ganz ausgebreitet sind, meist noch einmal um das Doppelte ihrer ursprünglichen Größe, aber aus der Rosettenmitte können keine neuen mehr entstehen. Manchmal erscheinen auch die Blüten vor den Blättern, wie z.B. bei Drosera zonaria.
Alle rosettenbildenden Drosera-Arten besitzen weiße, süßlich riechende Blüten, die in locker verzweigten Trauben oder sitzenden, gestauchten Dolden angeordnet sind. Gut unterscheidbare Arten sind Drosera bulbosa, D.erythrorhiza, D.macrophylla und D.orbiculata.


b) Aufrecht wachsende und Kletternde Arten (Sektion Ergaleium) - ca. 20 Arten

Auf den ersten Blick ähneln sich viele dieser Arten. Allen ist gemeinsam, daß sie zumindest im Endstadium dünne, kriechende, kletternde oder aufrechte, 3-200 cm lange, ausgesprochen drahtige Stämme ausbilden. In manchen Fällen entspringen sie einer Basalrosette, die in ihrem Erscheinungsbild Drosera rotundifolia ähnelt.
An den Stämmen sitzen recht filigrane, relativ kleine, gleichmäßig verteilte, meist schildförmige Fangblätter. Ihre Umrisse sind rundlich bis nierenförmig. Häufig dienen die klebrigen Fanghaare auch der Befestigung des wachsenden Stammes an benachbarter Vegetation. Die vielen Klebetropfen verursachen ein faszinierendes Licht- und Farbenspiel.
Die Knollen liegen meist in 5-15 cm Tiefe, können aber im Falle von Drosera gigantea auch 60 cm tief vergraben sein. Viele Arten bilden sehr zahlreich Tochterknollen, so daß recht dichte, durch eine Art dominierte Bestände entstehen.
Die Blüten der Sonnentau-Arten der Sektion Ergaleium variieren recht stark in Farbe und Form. Die Petalen können rosa, dunkelrot, weiß oder gelb gefärbt sein. Sie sind stets an der Spitze der wachsenden Stämme ausgebildet, manchmal entstehen nachträglich noch Seitentriebe mit kleineren Blüten.
Charakteristische Arten sind D. peltata, D. menziesii, D. macrantha, D. subhirtella und D. gigantea.


c) Fächerblättrige Arten (Sektion Stolonifera) - ca. 4 reine Arten

Drosera stolonifera und D. menziesii [zur Vergrößerung klicken, 64KB]

Diese Arten bilden aufrechte, ausgestreckt oder verzweigt wachsende, dicke und gedrungene Stämme, die aus einer basalen Rosette deutlich anders geformter Blätter entspringen. Die recht ansehnlichen Stammblätter sind meist stengelumfassend und besitzen "fächerförmige" Blattspreiten, die ca. 1 cm breit werden und leicht gefaltet alternierend um den Stengel herum angeordnet sind. Man könnte sie mit kleinen Satellitenschüsseln vergleichen, die nach oben gerichtet auf Beute ausgerichtet sind.
Die Knollen der fächerblättrigen Drosera-Arten liegen in 10-20 cm Tiefe und sind in viele pergamentartige Hüllen eingeschlossen. Häufig wachsen die unterirdischen Sprosse zuletzt horizontal weiter und bilden dort zahlreiche Tochterknollen. Die Blüten sind wohlriechend, weiß und meist in Panikeln angeordnet.

2. Kultur knollenbildender Sonnentau-Arten

An ihren Naturstandorten wachsen die "Knollendroseren" in sandigen Laterit- oder Lehmböden, die während der 1-4 Monate dauernden Trockenperiode betonhart werden. Die Knollen der Pflanzen liegen jedoch so tief, daß dort auch in der Trockenzeit eine gewisse Restfeuchtigkeit zurückbleibt, die sie kühlt und schützt.
Wenn die Regenzeit einsetzt, wachsen aus Verdickungen an der Oberfläche der ruhenden Knolle die neuen Sprosse heraus. Diese benutzen zum Emporwachsen häufig die vom letzten Jahr zurückgebliebenden Gänge . Zusätzlich haben sich Tochterknollen gebildet, die sich von der alten, oft geschwächten Knolle abgeschnürt haben.

Was heißt das nun aber für die Kultur ?

  • Die Pflanzen haben bei uns im Winter ihre Hauptwachstumszeit, etwa von Dezember bis Mai
  • im Sommer sind sie in der Ruhezeit
  • Die verwendeten Substrate sollten nur wenig Torf, dafür aber viel Sand in unterschiedlichen Korngrößen enthalten
  • Die Knollen müssen in ausreichend tiefen Töpfen richtig herum eingesetzt werden - das "schlafende Auge" muß oben leicht seitlich zu sehen sein
  • einmal eingesetzte Knollen müssen trocken gehalten werden, bis an der Oberfläche die Sproßspitzen erscheinen
  • erst dann darf - möglichst von oben - gewässert werden; eine leichte überflutung der Substratoberfläche ist möglich, wenn genügend starke Sonneneinstrahlung herrscht
  • grundsätzlich gilt: extrem viel natürliches Sonnenlicht - es ist Winter !!!
  • nach der Blüte wird die Bewässerung langsam eingestellt, schließlich lassen wir die Töpfe völlig austrocknen
  • nach etwa einem Monat können die Knollen vorsichtig ausgetopft werden, aber nur dann, wenn die vertrockneten Sprosse sich fast von selbst von der Knolle lösen lassen
  • das Austopfen sollte wirklich nur zum Absammeln der Tochterknollen dienen, ansonsten gilt:


  • Diese Grundsätze erscheinen vielleicht auf den ersten Blick abschreckend, aber jeder, der es einmal probiert hat, wird sagen, daß die Kultur von "Knollendroseren" sehr lohnend ist, nicht zuletzt deswegen, weil sie genau dann wachsen, wenn die meisten anderen Carnivoren in Winterruhe sind.
    Das wirklich größte Problem in der Kultur hier bei uns ist das Licht, das ja bekanntlich im Winter Mangelware ist. Ansonsten aber stellen die knollenbildenden Sonnentau-Arten fast keine Ansprüche an das Substrat.
    Vor allem Drosera peltata, die ja ein sehr großes Verbreitungsareal aufweist, ist als Anfängerpflanze zu empfehlen, da sie auch ganzjährig naß gehalten werden kann und häufig sogar völlig ohne Ruheperiode weiterwächst. ähnlich einfach zu halten ist Drosera menziesii.
    Die Pflanzen vertragen Temperaturen bis leicht unter 3°C, ähnlich wie auch die australischen Zwergdroseren. Man bedenke, daß es sich in Südwestaustralien um ein mediterranes Klimat handelt! Wer also die Möglichkeit hat, ihnen einen frostfreien, gut besonnten Platz im Gewächshaus zu geben, sollte es einmal probieren, denn hier färben sie sich besonders schön aus.
    Die Vermehrung durch Samen ist wenig ergiebig, da diese häufig erst nach Jahren keimen, möglicherweise induzieren Buschbrände in der Natur den Keimungsprozeß. Bei selbstbestäubenden Arten wie z.B. D.auriculata oder D.peltata keimen die frischen Samen jedoch sehr zufriedenstellend, und man erhält schnell einen schönen Rasen von Jungpflanzen, die im ersten Jahr etwa 3 cm hoch wachsen und oft zum "Unkraut" werden können.
    Wesentlich fruchtbringender als die Saatgutvermehrung ist die Abtrennung neuer Tochterknollen, wie oben bereits beschrieben.
    Bei einigen Arten (D.gigantea, D.fimbriata) ist auch eine Vermehrung durch Blatt- und Stammstecklinge erfolgreich.
    Bei Blattlausbefall, der leider immer wieder auch im Winter auftritt und sich oftmals recht unangenehm auswirkt, wurden keine negativen Auswirkungen herkömmlicher Spritzmittel beobachtet, die Pflanzen vertragen sie stets gut, und die Blattläuse sind verschwunden. Am besten sind systemisch wirkende Mittel.
    Abschließend kann nur gesagt werden, daß die "Knollendroseren" wunderbar und formenreich sind, und daß jeder, der ein sonniges Fenster hat, es einmal mit ihnen versuchen sollte - unten finden Sie einige Tips zur Beschaffung und zu besonders geeigneten "Einsteiger-Arten".


    3. Woher bekomme ich einen Knollensonnentau?

    Solange es sich "nur" um Drosera peltata oder ähnliche Arten handelt, kann man sie unter Umständen schon in größeren Pflanzencentern finden, auch wenn man dort oft viel zu viel bezahlt.
    Saatgut dieser Art ist auch in der GFP-Samenzentrale oft vorhanden. Bei selteneren Arten sollte man sich an spezialisierte Carnivorenzüchter wenden. Hierzu sei auf die Infobroschüre der GFP verwiesen, in der eine Auflistung der wichtigsten Anbieter und ihrer Sortimente zu finden ist.
    Als abschließende Bemerkung möchte ich noch hinzufügen, daß viele Arten mittlerweile durch kommerzielles Absammeln der Knollen an ihren Naturstandorten stark im Rückgang befindlich sind. Wer sich also nicht sicher ist, ob er die richtigen Kulturbedingungen hat, der sollte lieber bei den sehr reizvollen Arten aus der D.peltata-Gruppe bleiben. Bei Drosera peltata und D.auriculata ist es nämlich so gut wie garantiert, daß sie zu einem bereichernden Bestandteil in Ihrer Sammlung werden und ihre wunderbar glitzernden, filigranen Blätter werden schon bald eine vielbeachtete Zierde auf Ihrer Fensterbank sein.


    Literatur:

  • Diels, L. (1906): Droseraceae. - in: A.Engler, Das Pflanzenreich, Bd. 26.
  • Erickson, R. (1968): Plants of Prey in Australia.- Osborne Parc, Western Australia, Lamb Publications.
  • Lampard, S. (1987): Australian Tuberous Sundews.- in: The Carnivorous Plant Society Journal 11, Autumn 1987.
  • Lowrie, A.(1987, 89, 98): Carnivorous Plants of Australia, Vol.1-3.-Nedlands, Western Australia, University of Western Australia Press.
  • Marchant, N.G. & George, A.S. (1982): Drosera.- in: Flora of Australia, Vol. 8, pp.9-64.
  • Powell, Ch.L.(1989): Tuberous Drosera.- in: Carnivorous Plant Newsletter 18, March 1989.
  • Schlauer, J. (1999): Ein Bestimungsschlüssel für die Gattung Drosera L. (Droseraceae). In: Das Taublatt, 16.Jahrgang, Heft 35, 1999/1, S.4-43.
  • Seine, R.& W.Barthlott (1994): Some proposals on the infrageneric classification of Drosera L. - in: Taxon, Nr.43, November 1994, pp.583-589.
  • Slack, A.(1985): Karnivoren.- Stuttgart: Ulmer Verlag