zuerst veröffentlicht in "Das Taublatt" Heft 15 (=1991/1), Seite 9-13
Inzwischen feiert das Moor, wie im vorherigen Teil beschrieben, seinen
8. Geburtstag! Was und wie hat sich das Moor verändert? Um es vorweg
zu sagen, die Sache mit den umgedrehten Eimern als Wasserspeicher hat sich
super - anders kann ich es nicht sagen - bewährt! In den 8 Jahren
gab es manch trockene und heiße Sommermonate! Ich glaube, daß
ich innerhalb dieser Zeit nur ein - oder zweimal zusätzlich mit Wasser,
diesmal jedoch mit Regenwasser, nachzuhelfen hatte.
Auch die Pflanzen haben sich kräftig entwickelt. Das Sphagnum
z.B. hat sich über das ganze Moor ausgebreitet. An manchen Stellen
erreicht es eine Mächtigkeit von 20 cm und darüber. Aus den zierlichen
Gagelsträuchern sind üppige Büsche entstanden. Ein jährlicher
Rückschnitt war unvermeidlich, da sie sonst andere Pflanzen zu sehr
in Bedrängnis gebracht hätten. Gerade aber der Gagelstrauch ist
es, den ich am wenigsten vermissen möchte, da er in den frühen
Morgen - und späten Abendstunden über das ganze Moor einen angenehmen,
berauschenden, würzigen Duft verbreitet. Von den vier Orchideenarten
ist zu berichten, daß der stengellose Frauenschuh, Cypripedium acaule,
sich inzwischen zur 3-triebigen Pflanze entwickelt hat! Leider blüht
er nicht jedes Jahr! Er steht hier relativ trocken. Vermutlich ist es ihm
hier zu warm und auch zu sonnig! Im letzten Jahr mußte ich ihn ca.
15 cm höher setzen, da er mit dem Sphagnum nicht Schritt zu halten
schien. Erst beim Herausnehmen konnte ich das kräftige, gesunde Wurzelwerk
erkennen! Die Grasröte, Calopogon tuberosus, ursprünglich 3 erbsengroße
Bulben, mag es zu ca. 40-50 St. gebracht haben. Besonders im Frühjahr
sieht man überall Sämlinge aus dem Sphagnum herauswachsen. Die
Grasröte, eine ausgesprochene Moor-Orchidee, braucht dieses nährstoffarme
und saure Milieu. Sie ist dem Sphagnum-Wachstum hervorragend angepaßt!
Die Blüten werden 30 - 50 cm hoch, sind rosafarbig, und die Einzelblüte
erreicht die Größe eines 5,- DM-Stückes.
Die Aretusa bulbosa,
ebenfalls eine Orchidee der nordamerikanischen Moore, hat offensichtlich
die meisten Schwierigkeiten. Sie wächst ausschließlich im lebenden
Sphagnum, doch es bleiben nur drei Pflanzen. Obwohl sie jedes Jahr blüht,
habe ich Nachkommen noch nicht feststellen können! Vermutlich ist
sie auch als erwachsene Pflanze stärker mykotroph als die anderen
Moororchideen. Als vierte Orchidee sei die Pogonia ophioglossoides zu nennen.
Sie wird an die 30 cm hoch, die Blüten erscheinen einzeln, sind rosa
und blühen jedes Jahr reichlich. Leider setzen sie keinen Samen an.
Vermutlich fehlen hier die entsprechenden Bestäuber. Doch dies ist
auch gar nicht erforderlich, da sie sich durch dünne Ausläufer
gut vermehrt. Sie steht am Rande der Schlenke, wo sie praktisch mit dem
Fuße im Wasser steht. Hier fühlt sie sich am Wohlsten. In den
nasseren Stellen hat sie sich am weitesten ausgebreitet! Die Mühe,
sie zu zählen, habe ich mir nicht gemacht, aber 50 Exemplare sind
es sicherlich. Leider sind diese Pflanzen im Frühjahr vor zwei Jahren
von Amseln stark zugerichtet worden! Die Moorlilie, Narthecium ossifragum,
ist ebenfalls zum starken Horste herangewachsen. Ausgesamt hat sie sich
jedoch nur an offenen sphagnumfreien Stellen! Die Sonnentau-Arten sind
über das ganze Moor verstreut zu finden, wobei Drosera anglica die
feuchteren und Drosera rotundifolia die trockeneren Stellen aufsuchten.
Die zwei Sarracenien-Arten haben sich zu großen Horsten, die schon
mehrmals geteilt werden mußten, entwickelt, wobei die Sarracenia
purpurea viel nasser als S. flava stehen möchte. Das orangeblütige
Wollgras, Eriophorum virginicum, hat sich durch seine Ausläufer praktisch
den nassen Teil vollständig erobert! Da es einen lockeren, dünnen
Habitus aufweist, kommen andere Pflanzen dadurch wenig in Bedrängnis!
Inzwischen siedelte sich das schmalblättrige Wollgras von selbst an.
Es wird hier auch nicht so lästig, da ihm die entsprechenden Nährstoffe
fehlen! An trockeneren Stellen tauchte Calluna vulgaris auf. Woher sie
kommt, weiß ich nicht! Ich halte sie sehr kurz, ein jährlicher
Rückschnitt und ein rigoroses Ausziehen von Jungpflanzen ist unerläßlich.
Sobald bei den Wollgräsern die Fruchtstände zu "flusen" beginnen,
ist höchste Eile geboten, sie zurückzuschneiden! Das ist im Verhältnis
noch wenig Arbeit; haben sie sich erst einmal ausgesät, können
sie in kurzer Zeit die gesamte Moorfläche in Besitz nehmen. Zu den
Hypericum-Arten ist zu sagen, daß Hypericum elodes sich im Wasser
ausbreitet. Sie bedeckt große Teile als Bodendecker. Die samtartigen,
frischgrünen Blätter und die zitronengelben Blüten bestechen!
Hypericum virginicum ist dagegen aufrechtwachsend und zeichnet sich besonders
durch ihre rosafarbigen Blätter und Blüten aus. Ein Kontrast,
der gar nicht besser sein könnte! Auch von den beiden Ledum-Arten
sind überall Sämlinge zu sehen. Ein Zeichen dafür, daß
auch sie sich hier wohl fühlen.
Es würde zu weit führen
und den Rahmen sprengen, alle Pflanzen ausführlich zu beschreiben.
Dieses Moor hat auch schon seine eigene kleine Geschichte. Sie fing damit
an, als vor etwa vier Jahren zwei Jugendliche aus dem Dorf mit dem Fahrrad
zu mir kamen. In der Hand hielten sie einen Eimer, in dem sich junge Eidechsen
befanden. Sie wollten sie mir schenken, und da ich damit nichts anzufangen
wußte, leerten sie die Eimer ins Moor und ließen die Eidechsen
laufen. Es waren 5 junge Tiere und ich identifizierte sie später als
Waldeidechsen. Und nun geschah etwas Eigenartiges. Sie blieben im Moor!
Ich kannte ihre Sonnenplätze, und ich konnte sie beim Beutefang bis
in den Herbst beobachten. Weiter als einen Meter entfernten sie sich nicht
vom Moor. Sie überlebten den Winter, und auch im Frühjahr darauf
sah ich sie wieder. Meine Freude kannte keine Grenzen mehr, als sich im
Sommer, völlig unerwartet, junge, ca. 3 cm große Eidechsen auf
der alten Moorwurzel sonnten. Aufgrund dieses Ereignisses entschloß
ich mich, noch mehrere Moore als erweiterten Lebensraum einerseits für
Pflanzen und andererseits für die Eidechsen zu schaffen. Inzwischen
sind es 12 Moore geworden, alle Pflanzen entwickeln sich bestens und auch
die Eidechsen sind nicht nur in den Mooren anzutreffen, nein, man kann
sie gelegentlich auch beim Überqueren der Wege beobachten!
Vor etwa zwei Jahren ließ die Population jedoch merklich nach! Für mich
ein unerklärliches Phänomen! Woran mochte es liegen? Gifte wurden
nirgends eingesetzt, also konnte das nicht die Ursache sein! Ob es vielleicht
die Spitzmäuse waren, die ich gelegentlich im Moor sah und auch hörte?
Des Rätsels Lösung kam im Sommer letzten Jahres! Die Sarracenia
purpurea war wieder einmal zu mächtig geworden und sollte geteilt
werden. Als ich die Pflanze aus dem Torf und umgedreht in die Hand nahm,
um sie besser auseinanderreißen zu können, fiel eine junge,
noch lebende Eidechse aus den todbringenden "Fallgruben" der Sarracenia.
Das war es! Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht! Die Frage aber
beschäftigte mich noch weiter. Warum ging es bisher so gut? Daraufhin
analysierte ich genau den Standort! Vermutlich trat die Katastrophe erst
dann ein, nachdem sich die Moospolster immer höher schoben. Es war
festzustellen, daß die Mooroberkante horizontal zur Schlauchöffnung
verlief! Also sind die kleinen und sicherlich auch großen Eidechsen
bei Beutefang über das Moos gelaufen und in die Schlauchöffnung
(Fallgrube) gefallen. Ein Entrinnen war ausgeschlossen!
Daraufhin wurde die Sarracenia purpurea aus diesem Moor verbannt. Von
der Sarracenia flava, die ebenfalls zu mächtigen Horsten herangewachsen
ist, geht keine Gefahr aus. Ihre Fangschläuche gehen steil aufwärts
und erreichen eine Höhe von 30 - 60 cm, also unerreichbar für
Eidechsen! Dafür lauern hier vorzugsweise Teichfrösche auf Beute!
Die Sarracenien locken genügend Insekten an. Natürlich braucht
man auf die Sarracenia purpurea, die ja eine Augenweide für jeden
Pflanzenliebhaber ist, nicht zu verzichten! Wenn man sie von Sphagnum oder
anderen Moosen frei hält, ist die Gefahr gebannt.
Inzwischen sind die Moore in meinem Herzen so tief verankert, daß
ich sie nie wieder missen möchte! Die reiche Flora, die kaum oder
wenig bekannt ist, stellt jeden Gartenteich in den Schatten. Die Gerüche,
Düfte und das reiche Farbenspiel bis in den Herbst sind es, die mich
beflügelt haben.
Mittlerweile weiß ich, daß das "Ökosystem Moor" auch
im Garten funktioniert; und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auf Dauer!
Das bestätigen meine regelmäßigen Messungen, die ich über
Jahre hin vornahm und auch heute noch durchführe und die Vergleiche
der Werte mit natürlichen Mooren. Es sind keinerlei abweichenden Werte
mehr festzustellen. Meine älteren Moore liefern den lebenden Beweis!
Aus dieser Überzeugung heraus und auch aus der Liebe zur Botanik habe
ich mich entschlossen, im Herbst 1989 ein über 250 qm großes
Moor anzulegen. Wie es mir dabei ergangen ist und welche Pflanzenschätze
hier einen neuen Lebensraum gefunden haben, erfahren Sie in der nächsten
Ausgabe!