Fleischfressende Pflanzen

Karnivorenkultur und -tipps

21. Was muss ich bei Zwergdrosera beachten ?

Zwergdrosera oder richtiger Pygmaedrosera sind eine endemische Artengruppe aus dem westlichen Australien; sie weisen im Vergleich zu den übrigen subtropischen Drosera einige Besonderheiten auf, auf die hier näher eingegangen werden soll.

Die augenfälligste Besonderheit ist ihre nur geringe Größe; sie liegt zwischen 5 mm (D. microscapa, D. occidentalis ssp occidentalis, D. pygmaea) und 2-4 cm Höhe (D. scorpioides, D. lasiantha, D. dichrosepala) bei einem Durchmesser zwischen 8 und 12 mm. Dieser auffällige Zwergwuchs gab ihnen ihren Namen. Daneben bilden einige Arten aber im Verhältnis zu Pflanze erstaunlich große Blüten; so ist bei D. callistos die Blüte fast so groß wie die gesamte Pflanze, ebenso bei D. sewelliae und D. spilos.

Aber auch in ihren Kulturansprüchen unterscheiden sich die Pygmaedrosera von ihren größeren Verwandten. So sind sie auf ein gleichmäßig feuchtes, grobes Substrat angewiesen. Sie stehen ungern permanent im Anstau, das Substrat solle ein Gemisch aus 1 Teil Torf und 2 Teilen Perlit, Quarzkies, Bimskies oder ähnlichem bestehen.

Die meisten Arten dieser Gruppe sind nicht selbstfertil; lediglich D. pulchella und D. occidentalis ssp. weichen davon ab. Ihre Hybriden sind überhaupt nicht über Saat vermehrbar. Selbst wenn man Saatgut aus den Pflanzen gewinnen kann, ist das noch lange keine Garantie auf Vermehrung. Die Arten scheinen eine besondere Keimhemmung zu haben, wobei dem Autor nicht bekannt ist wie diese aufgehoben werden kann. Auch die normalen vegetativen Vermehrungsarten sind bei ihnen nicht anwendbar. Es wird dringend davon abgeraten, die Wurzeln dieser Arten irgendwie zu beschädigen.

Zwergdrosera bilden nur eine einzelne, sehr empfindliche Pfahlwurzel. Wird diese beschädigt, sterben die Pflanzen fast unvermeidlich ab. Es gibt allerdings einige Umstände, unter denen dies vermeidbar ist.
Bestimmte Arten wie D. dichrosepala und D. scorpioides bilden von Zeit zu Zeit oberirdisch Nebenwurzeln. Solange diese noch nicht im Erdreich ankern, kann man die Pflanzen mit einigem Erfolg auspflanzen und so tief einsetzen, das die Nebenwurzeln die Aufgabe der Hauptwurzel übernehmen können. Eine andere Ausnahme sind die Arten, die eine Trockenruhe einlegen. Bei diesen stirbt die Wurzel während der Sommerruhe ab und verbleibt nur noch zur Verankerung im Boden; man kann die Pflanzen während dieser Zeit relativ ungefährdet umpflanzen. Meist treiben die Pflanzen wieder aus. Zu diesen Arten zählen z.B. D. androsacea und D. pygnoblasta. Einige sehr robuste Arten wie D. pulchella lassen sich auch während der Vegetationsperiode mehr oder weniger erfolgreich umsetzen. Damit das allerdings überhaupt erfolgreich ist, braucht man zumindest in den ersten Wochen eine sehr gespannte, d.h. mit Wasserdampf gesättigte Luft, bis die Wurzeln sich regeneriert haben. Die Hauptgefahr ist jedoch, das die Pflanzen auf die gespannte Luft angewiesen bleiben und einen Wechsel der Kulturbedingungen nicht überleben.

Ein weiterer Nachteil der gespannten Luft ist die dadurch bedingte hohe Anfälligkeit gegenüber Pilzkrankheiten und Schädlingen; bedauerlicherweise vertragen die Pygmaedrosera die handelsüblichen Spritzmittel noch weniger als die übrigen Drosera und quittieren ihren Einsatz meist mit Absterben. Dies könnte u.a. darauf zurückzuführen sein, das sie als kleine Pflanzen sehr wenig Reserven haben, um sich regenerieren zu können. Über den Einsatz von systematischen Bioziden ohne Düngerzusatz ist dem Autor nichts Negatives bekannt, so das ein effektiver Pflanzenschutz über diese Wirkstoffgruppe möglich scheint.

Brutschuppen sind eine weitere Besonderheit dieser Gruppe. Alle Arten bilden im Herbst/Winter in ihrer Stipula, jenem kleinen, wie behaart erscheinendem Kegelchen in der Pflanzenmitte kleine, grüne Schüppchen oder Kügelchen in der Größenordnung um 1 mm aus. Bei diesen handelt es sich Botanisch gesehen um umgewandelte Blätter. Mit Ihnen kann man die Arten jedoch sehr leicht vegetativ vermehren.
Dazu erntet man die Brutschuppen z.B. mit Hilfe eines angefeuchteten Zahnstochers ab, wenn sie reif und nur noch locker mit der Pflanze verbunden sind, und sät sie in einem Abstand von etwa 1,5 cm auf dem gleichen Substrat wie für Altpflanzen aus. Man bedenke, das ein späteres Umsetzen der Pflanzen nicht möglich ist ! Je nach Temperatur keimen die Brutschuppen nach etwa 10-14 Tagen, manchmal wesentlich früher, und wachsen in etwa 4-5 Monaten zu Altpflanzen heran. Man kann Brutschuppen auch einige Zeit lagern. Dazu gibt man sie mit etwas feuchtem Zellstoff in eine Filmdose und lagert sie im Kühlschrank. Da es sich aber nicht um Samen handelt, ist die Lagerzeit begrenzt. Üblicherweise beträgt sie 2 Monate, das Extrem liegt bei 3 Monaten. Danach muss man damit rechnen, das sie entweder keimen oder aber absterben. Will man Brutschuppen tauschen/verkaufen/verschenken, so muss man beim Versand darauf achten, das sie keinem Frost ausgesetzt sind, da sie dann unweigerlich absterben. Auch sind sie druckempfindlich; nach leidlichen Erfahrungen des Autors empfiehlt sich bei der äußerst "zärtlichen" Behandlung der Post-AG von normaler Briefpost ein Versand in Luftpolstertaschen. Leider scheint eine zu reichliche Brutschuppenproduktion die Pflanzen sehr zu schwächen, insbesondere D. scorpioides und D. spilos neigen nach Beobachtungen des Autors dazu, nach der Brutschuppenbildung abzusterben. Da Pygmaedrosera ohnehin kurzlebig sind (etwa 2 Jahre, gelegentlich 3) sollte man jährlich, spätestens aber nach 2 Jahren eine neue Generation ansetzten. Aus diesem Grund hält der Autor ein Umsetzen der Pflanzen auch nicht für sinnvoll, zumal es immer ein Glücksspiel bleibt.

Ein weiterer Punkt auf dem hingewiesen werden muss ist die Sommerruhe mancher Arten. Viele Arten können dauerfeucht kultiviert werden, einige der selteneren Arten ziehen im Sommer bis auf die Stipula ein und müssen in dieser Zeit trocken gehalten werden,. Dazu zählen die in Kultur jedoch eher selteneren Arten D. androsacea, D. sargentii, D. pygnoblasta, sowie andere. Eine detailliertere Aufstellung entnehme man bitte Allen Lowries Buch "Carnivorous Plants of Australia". In dieser Zeit scheinen sie leblos, sind jedoch nur in Trockenruhe. Feststellen kann man dies anhand der Nebenblätter; blitzen im "Hütchen" der Pflanzen noch kleine grüne Blättchen hervor, sollte man die Pflanzen einfach in Ruhe lassen und bis zum Spätsommer trockener halten.

Wie bei allen Gruppen gibt es auch hier Unterschiede in der Schwierigkeit in der Haltung. Wer zum ersten Mal Pygmaedrosera kultivieren will, dem seien die Arten D. pulchella, D. roseana, D. dichrosepala, D. enodes, D. mannii, D. paleacea, D. ericksoniae, der D. nitidula-Komplex, und die Hybriden ans Herz gelegt. Etwas schwieriger sind D. scorpioides, D. pygmaea, D. occidentalis ssp, D. callistos, D. spilos, D. barbigera, D. microscapa, D. stelliflora und D. sewelliae. Eher für Fortgeschrittene sind D. sargentii, D. lasiantha, D. androsacea, D. helodes, D. closterostigma, D. oreopodion, D. platystigma und D. pygnoblasta. Während man D. pulchella auf der Fensterbank halten kann, erfordern die letztgenannten Arten doch einiges an Fingerspitzengefühl um sie erfolgreich längere Zeit zu kultivieren. Da sie darüber hinaus schwer zu bekommen sind, sollte man sie erst erwerben wenn man die Kultur der einfacheren Arten im Griff hat.

An dieser Stelle noch eine Bemerkung zu Direktimporten aus Australien: Man bekommt die Brutschuppen im Sommer, also zur Unzeit, und man merkt spätestens im Winter das ohne Zusatzlicht die Pflanzen kaum kräftig genug sind um das Frühjahr zu erleben. Daneben überstehen etwa 30-50 % der Brutschuppen den langen Transportweg nach Europa nicht; bei einer Anzahl von etwa 15 Brutschuppen pro Portion und Preisen von um die 10 Aus-$ sollte man sich den Kauf gut überlegen, zumal man zumindest bei den neueren Arten davon ausgehen kann, das es sich um Wildsammlungen handelt. Da einige der Arten in Australien vom Aussterben bedroht sind, ist der Sinn solcher Sammlungen äußerst fraglich.

Pygmaedrosera besitzen eine grazile Schönheit, die sich nur dem aufmerksamen Betrachter erschließt und die manchen Kunstwerke aus venezianischem Glas kaum nachstehen. Auch wenn man sie sich mit der Lupe ansehen muss, um das zu bemerken. Ihr teilweiser Blütenreichtum von atemberaubender Schönheit, denen innerhalb der Drosera nur noch die Knollendrosera erreichen bzw. übertreffen machen sie zu einer Zierde. Man möge dem Autor diese schwärmerischen Worte verzeihen. Aber jeder, der sich mit diesen faszinierenden kleinen Pflanzen einmal näher beschäftigt hat, wird dies nachvollziehen können.

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