Fleischfressende Pflanzen

Karnivorenkultur und -tipps

8. Wie bringe ich meine Venusfliegenfalle möglichst nicht um? Alles über Haltung, Vermehrung und noch mehr...

Die meisten von uns kennen sie ja. Tausendfach steht sie im Frühsommer in den Baumärkten und Gartencentern, grün, mit langen Stielen und seltsamen, wie Tellereisen geformten, langbewimperten Blättern, zumeist von Horden von Kindern und/oder Erwachsenen mit kindlicher Neugier umgeben. An sich ein ziemlich blödes Gewächs, könnte man meinen, wenn da nicht eine Besonderheit wäre: Sie bewegt sich. Blitzartig schlagen ihre Blätter zusammen, wenn sie von einem unvorsichtigen Insekt, oder, was meist häufiger ist, von Fingern, Schlüsseln, Grashalmen, Blättern u.s.w. gereizt werden.

Für die meisten von uns Karnivorenliebhabern stand diese Pflanze am Beginn eines interessanten Hobbys. Und ich wage zu behaupten, dass auch heute noch diese Pflanze mehr Menschen dazu bringt sich mit den Karnivoren zu beschäftigen als die gesamte Werbung aller Gesellschaften für fleischfressende Pflanzen der Welt zusammengenommen.

Aber wie so oft ist der Erste Kontakt mit einem Interessanten Gebiet auch der erste Quell von Frust. Man bittet Papa, Mutti oder Omi die Pflanze einem zu kaufen, und was macht das blöde Ding nach ein paar Wochen? Statt zu gedeihen kümmert sie vor sich hin und geht ohne Servus zu sagen ein. Für einige war dieser erste Kontakt mit einer Venusfliegenfalle dann auch der letzte mit fleischfressenden Pflanzen.

Den Rest habe ich im vergangenen Jahr dann im Forum gesehen. Einige der Hauptthemen des Forums drehten sich um die Venusfliegenfalle und ihre Pflege. Mal schauen, ob man da nicht Abhilfe schaffen kann - hierfür ist dieser Artikel gedacht.

Also: Wie die meisten Karnivoren ist die Venusfliegenfalle ein Sonnenkind mit ausgeprägtem Hang zu nassen Füßen. Soll heißen, die Pflanze erwartet soviel direktes Licht wie nur irgendmöglich. Ein sonniges Plätzchen direkt am Fenster in Südlage bzw. Südwestlage ist da genau das Richtige, Ost- und Westlagen werden schon weniger gern genommen, und die Nordlage ist eher was für die schreckliche Grünlilie. Im Sommer ist min. 14h Licht notwendig, da bei zuwenig Licht sich die Fallen innen auch nicht rot ausfärben. Eine Freilufthaltung ist ebenfalls möglich. Wichtig: Werden Zimmerpflanzen im Sommer nach draußen gestellt muss unbedingt eine Gewöhnungsphase beachtet werden, da sonst die Pflanzen verbrennen können. Und da Madame ja anspruchsvoll ist, will sie möglichst (im Frühjahr/Sommer) immer in 1cm sauberen, kalkfreiem Regenwasser, destilliertem Wasser, entsalztem Wasser oder auch weichem, abgekochten Regenwasser stehen. Zu kalkhaltiges Wasser (Achtung: Abkochen von kalkhaltigem Wasser hilft nicht!) ist für sie und die meisten Insektivoren das, was Salzwasser für Schiffbrüchige ist: Man kann trinken soviel man will und verdurstet trotzdem.

Als Boden will die Venusfliegenfalle übrigens nur reinen, ungedüngten Hochmoortorf (Weißtorf mit etwas Sand oder Weißtorf mit etwas Perlite) und keine zerkleinerte Kokosfaser oder gar vorgedüngte Blumenerde. Sie ist schließlich kein Benjamini. Handelsübliche Karnivorenerde funktioniert auch sehr gut, kann aber unter Umständen zu Problemen führen.

Temperatur: Perfekt um 23-27°C, der optimale Bereich liegt bei 20 - 30/32°C. Höhere Temperaturen (Mittagshitze) können vertragen werden, jedoch werden besonders bei Pflanzen in Glasschalen/Glaskugeln gerne auch zu hohe Temperaturen erreicht. Kühlere Nächte mit 12-15°C werden von draußen wachsenden Pflanzen problemlos vertragen. Im Winter ist die Pflanze kühler zu halten. Hierzu später etwas mehr...

Ein anderes Thema ist die Luftfeuchtigkeit. Eine Venusfliegenfalle kann im Untersetzer soviel Wasser haben wie sie will, wenn die Luft zu trocken ist kann sie erst gar nicht soviel ansaugen wie sie braucht. Um das zu vermeiden, gibt es außer der Empfehlung, sie nicht direkt über eine Heizung zu stellen eine Reihe von Möglichkeiten, die man je nach Geschmack und Platz verwirklichen kann:

1. Man stellt sie in einen möglichst großen Untersetzer (etwa 2-3 fachen Durchmesser des Topfes der Pflanze) und sorgt dafür dass sich stets 1 cm Wasser darin befindet.

2. Man stellt sie in ein kleines Minigewächshaus, dessen Klappe man immer etwas geöffnet hält ( man will sie ja nicht kochen), oder man pflanzt sie in eine ausgediente große, farblose Glasvase, in ein großes Einmachglas oder ein altes Aquarium. Auch alle übrigen lichtdurchlässigen Gefäße, die ca. ½ mal so hoch wie die Pflanze samt Topf sind und mindestens den gleichen, eher einen größeren Durchmesser habe, sind geeignet.

Beide Methoden sind von mir und vielen andern erprobt und klappen hervorragend.

Wer nachmessen will: ca. 55-65% sind ideal; 50-75% gut; 45-50% bzw. 75-85% sind noch OK; Luftfeuchten darunter/darüber sollte man meiden. Im Winter eher an den unteren Grenzen wegen Schimmelgefahr.

So, eigentlich müsste sie ja jetzt wachsen und gedeihen. Doch Obacht, sie ist etwas empfindlich. Spielt man mit ihren Blättern, sterben diese nach etwa 7-10 Bewegungen ab. Daher sollte man die Blätter nicht reizen. Und auch das Füttern mit Wurst, Käse, Fleisch oder toten Fliegen vom Dachboden sollte man vermeiden. Die Blätter sterben nach spätestens 3 Mahlzeiten ab, bei der falschen oder einer zu großen Portion verderben sie sich den Magen und gehen sofort ein. Eine Venusfliegenfalle erwartet als Beute lebende Insekten und keine Stücke toter Tiere!!!!!! Außerdem ist der Insektenfang nur als Zubrot zu sehen und nicht als Hauptmahlzeit. Eine Venusfliegenfalle kann jahrelang ohne Mahlzeit auskommen. Auf gar keinen Fall düngen! Auch wenn’s noch so gut gemeint ist, es folgt immer der Verlust der Pflanze.

Hat man die Pflanze im Frühjahr gekauft und gut gepflegt, fängt sie im Sommer vielleicht an zu blühen. Leider schwächt die Blüte eine Pflanze ziemlich. Sofern man also keine Samen will, sollte man daher so leid es einem auch tut die Blütenstängel noch vor der Blüte abscheiden. Will man allerdings Samen, so braucht man dafür 2 verschiedene Pflanzen die natürlich gleichzeitig blühen. Und wenn man gerade keine Biene zum Bestäuben hat, muss man da mit einem Pinsel, mit dem man vorsichtig den Blütenstaub von einer Blüte zur anderen bringt, nachhelfen. Übrigens scheint es auch zu funktionieren, wenn man den Blütenstaub einer anderen Blüte derselben Pflanze auf eine neue überträgt. Nach dieser praktischen Übung in Fortpflanzungsmechanik bilden sich die länglichen Samenkapseln aus, die viele Samen enthalten. Die "Schwangerschaft" der Pflanze endet nach ca. 6 Wochen, dann sind die Samen reif und können theoretisch ausgesäht werden. Allerdings wollen sie etwas vorher frieren, weshalb man sie vor der Aussaat etwa 2 Monate feucht eingepackt im Kühlschrank lagern sollte. Die Samen der Venusfliegenfalle sind Lichtkeimer, d.h. sie müssen auf die Erde gestreut werden und dürfen nicht abgedeckt werden. Nach der Aussaat wird viel Licht, eine hohe Luftfeuchtigkeit und eine Temperatur von ca. 25°C +/- 2°C benötigt. Nach 3-4(5) Wochen bilden sich Pflänzchen. Dauer bis die Pflanze "erwachsen" ist: 3-4 (z.t. 5) Jahre.

Will man sich net mit Samen vergnügen, so kann man Madame auch über Blattstecklinge vermehren. Keine Angst, sie wird nicht gleich vor Wut eingehen, wenn man ihr mal ein Blatt klaut. Am besten zwischen Frühjahr bis Anfang Sommer einige junge bis mittelalte Blätter an der Blattbasis (möglicht weit unten) vorsichtig abbrechen und etwa bis zur Hälfte schräg in ein Sand-Torf-Gemisch (1:1 bis 1:2) oder Sphagnum stecken. Hohe Luftfeuchtigkeit, viel Licht und eine Temperatur um 20°C sind wichtig. Nach ca. 5-6 Wochen bilden sich winzige Pflänzchen. Wenn sich mehrere Blätter richtig gebildet haben können die Jungpflanzen umgesetzt werden. Erfolgsquote bei ca. 20-50%

So, nach Frühling, Sommer und Herbst kommt ja bekanntlich der Winter, und da Pflanzen den Winter nicht mögen und sie weder zur Arbeit noch zur Schule müssen verschlafen sie ihn gerne. Ist übrigens auch notwendig, schließlich ist das Wachsen anstrengend. Wenn sie in Winterruhe geht, so meist Anfang /Mitte Oktober, es kann auch mal Ende werden, zeigt sie (meist) das durch Bildung kleiner, liegender Blätter mit nur noch winzigen Fallen an. Am besten stellt man sie dann an einem Hellen, kühlen (um die 5-10 Grad) Ort auf und gießt sie nur noch wie eine normale Zimmerpflanze, aber immer noch mit kalkarmen Wasser.. So behandelt, kommt sie im Frühjahr bestimmt wieder und man kann sie erneut ein ganzes Jahr bewundern ;-))

Madame ist übrigens nicht so zimperlich wie die meisten Zimmerpflanzen wenn es um die Freilandkultur geht, zumindest im Sommer kann man sie ohne weiteres auch draußen stellen, schließlich soll sie auch mal die Chance haben, sich den Bauch voll zu schlagen. Aber Obacht, man sollte ihr Zeit lassen sich an die ungefilterte Sonne zu gewöhnen, sonst bekommt sie Sonnenband... Am besten einige Zeit nur der Morgen- und Abendsonne aussetzen, nach einigen Wochen darf sie dann auch mittags ein Sonnenbad genießen.

Unter bestimmten Umständen kann man die VFF auch im Winter im Freiland halten, allerdings erfordert das neben einem passenden Moorbeet gewisse Vorsichtsmassnahmen. Die Venusfliegenfalle entstammt einem warm-gemäßigten, ozeanischen Klima mit relativ kurzen, milden (soll meinen vielfach frostfreien) und feuchten Wintern. Auch wenn man’s nicht glaubt, von dieser milden Variante ist der mitteleuropäische Winter doch um einiges entfernt. Sie übersteht zwar einen leicht frostigen Winter (um -5°C; sie stirbt dann oberirdisch vollkommen ab, unterirdisch bleibt ein zwiebelähnliches, knolliges Gebilde zurück), erfriert aber, wenn weiter in die Minusgrade geht. Bis -10°C machen ältere, robuste und gesunde Pflänzchen mit. Um sie trotzdem im Winter sicher draußen zu halten ohne das sie sich einen Schnupfen holt, sollte sie entweder in Laub, Tannenreisig oder gleich mit einem ungeheizten Frühbeetkasten abgedeckt werden. Es gibt zwar auch Klone, die völlig winterhart sind (und auch -15°C mitmachen), aber trotzdem...

Und nun für alle Interessierten noch einige weitere allgemeine Infos:

Aufbau und Größe:
Die Venusfliegenfalle ist eine rosettenbildende Pflanze mit ca. 20cm-30cm Durchmesser (je nach Jahreszeit).
Die Fallen werden ca. 3-4cm groß.
Je nach Jahreszeit besitzt das gesamte Blatt eine unterschiedliche Form: Ende Frühjahr/Anfang Sommer bildet die Pflanze dünne, langstielige Blätter die meist senkrecht in die Höhe stehen. Sie sind mit Falle bis zu 18(-20cm)cm lang. Es gibt einige Kulturpflanzen, die diese Sommerblätter nicht ausbilden (trotz genügend Sonne,...). Zur restlichen Zeit sind die Blätter (mit Falle) ca. 10-11cm groß. Der untere Teil (ohne Falle) ist 2-3cm breit und besitzt eine Herzform.

Der Fangmechanismus:
Am Blattrand, vor den "Zähnen" kommt eine schmale Nektarzone um Insekten zu verführen. In der Falle befinden sich meist 3 (z.T. 4) Fühlerborsten pro Blatthälfte, die das schlagartige Zusammenklappen auslösen. Hierzu müssen 2 Fühlerborsten (oder eine Borste 2x) kurz nacheinander (innerhalb von 20s) berührt werden. Das Zusammenklappen erfolgt dann in einer 1/20 Sekunde (bei Idealbedingungen), kann aber auch wesentlich länger dauern (ungünstige Witterungsbedingungen). Ist eine Beute gefangen, werden die Blatthälften weiter zusammengepresst und es beginnt die Produktion der Verdauungssekrete. Nach Verdauung öffnet sich das Blatt wieder - übrig ist der leere Chitinpanzer des Insekts. Die Verdauung dauert je nach Beutegröße und Temperatur zwischen ein paar Stunden bis zu 2 Wochen (im Allgemeinen 3-5Tage).

Blattläuse:
Leider hat die Venusfliegenfalle auch Feinde. So zum Beispiel Blattläuse. Erste Anzeichen (neben den sichtbaren Tierchen) sind z.B. verkrüppelte Blätter. Abhilfe sind verträgliche Insektizide (wie z.B. Neudorff Spruzid).
Bei Zimmerpflanzen auch "Pflanzenschutzstäbchen" (z.B. von Paral) ---> zu beachten: Die meisten Pflanzenschutzstäbchen enthalten Dünger!!
Allerdings ist es fraglich, ob es denn immer gleich die chemische Keule sein muss, gerade bei Zimmerpflanzen. Es geht auch ohne. Man taucht die Pflanze für einige Zeit 1-2 Stunden unter Wasser, um die Blattläuse zu ersticken. Bewährt hat sich ein Zusatz eines handelsüblichen Spülmittels, dann geht’s schneller und die Eier der Schädlinge werden gleich mit abgespült- es sollten aber nur wenige Tropfen eines handelsüblichen Spülmittels verwendet werden.

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